Newsletter Februar 2015

Liebe Freundinnen und Freunde von MObiL!

Dies ist nicht die Einladung zu der Abschlussveranstaltung, die wir im ersten Newsletter vom Juli des vergangenen Jahres angekündigt hatten.
Ihr Zeitpunkt wird sich verschieben, denn MObiL ist noch nicht vorbei.

SZENENWECHSEL. Die offizielle Förderperiode der Robert-Bosch-Stiftung (RBGS) für das Projekt MObiL ist zwar ausgelaufen. Eine neue Staffel der Neulandgewinner hat begonnen. Auf einer Veranstaltung am 22.1.15 wurde dies feierlich begangen. Tobias Morgenstern, Dana Wolter und zwei andere MusikerInnen haben dabei nochmals das MObiL-Theaterstück aufgeführt, das einige von Ihnen vielleicht bei der Eröffnungsveranstaltung von MObiL im Sommer 2013 vor dem Schloss Reichenow gesehen haben. Details über die Veranstaltung der Stiftung, das Programm „Neulandgewinner“ und auch ein paar Fotos sind auf den Internet-Seiten bosch-stiftung.de zu finden.

WIR MACHEN WEITER.  MObiL hat jedoch das Privileg unter den Projekten der ersten Staffel, noch einige Monate weitermachen zu können. Noch ist die Fördersumme nicht restlos verbraucht, die RBGS hat unkompliziert eine Verlängerung bis Ende August 2015 genehmigt. Und das gesteckte Ziel ist ja noch nicht erreicht ist. Von den 2000 Mitgliedern, die als notwendig eingeschätzt wurden, um von einer kritischen Masse des Gelingens reden zu können, sind wir noch deutlich entfernt.

Wir müssen also viel mehr werden. Und da kannst Du, da können Sie mitmachen.

PATE WERDEN. MEHR WERDEN. Zur Anmeldung gibt es, wie Ihr, wie Sie alle wissen, das pink-farbene MObiL-Büro, das sich im Laufe der letzten anderthalb Jahren auf öffentlichen Plätzen, auf Märkten und Veranstaltungen platziert hat. Es gibt aber auch die Möglichkeit, dass jede registrierte Person als Pate oder Patin andere zum Mitmachen bei MObiL gewinnen kann. So können wir den Engpass "persönliches Erscheinen" im MObiL Büro umgehen. Die bereits registrierte Person bürgt dabei für die Identität der neu Geworbenen. Das neue Mitglied kann einfach ein elektronisches Passfoto und die Postadresse an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! schicken und dabei den Namen des Paten/der Patin sowie deren/dessen Mitgliedsnummer angeben.
Dann wird umgehend der Ausweis hergestellt und mit dem Aufkleber und weiterem Infomaterial per Post zugestellt. Die Basis des Vertrauens bleibt erhalten und trotzdem können wir, wenn nur jedes Mitglied zwei neue Personen in den Kreis einbringt, sehr schnell viel mehr werden.

NEUE INITIATIVEN. Die pink-farbenen Aufkleber auf den Windschutzscheiben beginnen, im Straßenverkehr ein Zeichen des Erkennens und Vertrauens zu werden. Allerdings ist damit noch nichts praktisch umgesetzt, denn noch immer gibt es sehr wenige Personen, die am Straßenrand stehen und mitgenommen werden wollen. Um diese Situation zu ändern, haben wir ein Pilotprojekt zur besseren Sichtbarkeit Mitfahrwilliger gestartet und Kontakt zum Willkommenskreis in Neuhardenberg aufgenommen.

GEFLÜCHTETE MITNEHMEN.Der Willkommenskreis kümmert sich ehrenamtlich um die sozialen Belange der Flüchtlinge, die im Wohnheim in der Neuhardenberger Friedrich-Engels-Straße untergekommen sind. Hier haben wir die Idee vorgestellt, die Bewegungsmöglichkeiten der geflüchteten Menschen mit einem MObiL Ausweis zu unterstützen. Die Initiative wurde begeistert aufgenommen und 25 der BewohnerInnen sind jetzt bei MObiL registriert. Leider sind ihre Erfahrungen im Mitgenommen-Werden ernüchternd. Zu groß scheint hier die Skepsis der AutofahrerInnen, trotz MObiL-Ausweis. Deshalb werden Willkommenskreis und MObiL Anfang März eine Informationsveranstaltung für die Bürgerinnen und Bürger in Neuhardenberg durchführen, um dieser Skepsis zu begegnen.

HALTESTELLEN SCHAFFEN. Eine Schwierigkeit für Mitfahrwillige könnte auch das Fehlen von definierten Wartezonen und Haltepunkten sein; nicht jeder mag sich irgendwo an den Straßenrand stellen. Deshalb ist geplant, in Zusammenarbeit mit dem Amt Barnim/Oderbruch und den dazu gehörenden Gemeinden die Wartehäuschen an den Bushaltestellen mit Schildern als MObiL-Haltestelle zu kennzeichnen. Sie können diese Maßnahme unterstützen, indem Sie auf den Gemeinderatssitzungen danach fragen.

AUSSTELLUNGS-FAHRGEMEINSCHAFTEN. Auch die „Kunstloosen Tage“, die wie in jedem Jahr Mitte Mai im Oderbruch stattfinden werden, wollen wir nutzen, um MObiL sichtbar und erfahrbar zu machen. Mit Aufklebern und Buttons wollen wir eine Möglichkeit schaffen, die Fahrten zwischen den einzelnen Höfen als Fahrgemeinschaften zu organisieren.

BANNER ZEIGEN.Und zum guten Schluss weisen wir noch auf das Foto unseres Werbebanners im Anhang hin. Wer einen Ort kennt (Zaun, Hauswand), wo so ein Banner (2,40 x 1,30m) wirksam angebracht werden kann, möchte sich bitte melden. Unter Umständen kann auch eine kleine Mietpauschale gezahlt werden.

Mit freundlichen Grüßen


Thomas Winkelkotte

 

MObiL in MOL ist seit August 2014  auch auf facebook zu finden. Besucht die Seite, "likt" sie und schreibt, was ihr mit MObiL bereits erlebt habt.


 hier ist die Dokumentation des Symposions "Mobilität auf Gegenseitigkeit -Randbedingungen verbessern, aus Erfahrungen lernen". Es fand im Februar 2014 auf dem Gutshof Reichenow statt, auf Initiative von MObiL statt.

 

 


 

Zum Jahresanfang 2014:

Jetzt sind seit dem Startschuss Ende August gut vier Monate vergangen und wir starten ins neue Jahr.  Bis jetzt haben sich knapp 400 Menschen bei MObiL angemeldet haben, die allermeisten haben damit ihre Bereitschaft erklärt, mit ihren Autos  sponatane Mitfahrgelegenheiten zu ermöglichen. Allerdings ist eine gewisse Enttäuschung festzustellen, darüber, daß so gut wie niemand tatsächlich am Straßenrand steht und mit der pinken Karte winkt. Wir brauchen also mehr Tramper.  Zum Anderen ist es notwendig, daß sich jedes Mitglied aktiv darum bemüht, daß sich noch mehr Menschen dazu entschließen, bei MObiL mitzumachen. Denn nur wenn viele mitmachen, kann unser System funktionieren.

In diesem Sinne: Auf ein neues gutes Jahr 2014!

 

Ab sofort ist es möglich sich im Forum selbst zu registrieren. Hier ist es für alle interessant, wenn unter dem Thema "Erfahrungen" die einzelnen Mitglieder von MObiL über ihre bisherigen Erfahrungen berichten. Wie geht es zu, beim Suchen und Finden von spontanen Mitfahrgelegenheiten, also dem trampen mit der pinken Karte?

 

Am 25.8. fand vor dem Schloss Reichenow die feierliche 
Auftaktveranstaltung von MObiL statt.

 Hier das Gruppenfoto. Download hier:

 

 

Auf vielfachen Wunsch hier die Festrede, die Imma L. Harms anläßlich der Auftaktveranstaltung gehalten hat:

Meine Damen und Herren, liebe Freundinnen und Freunde,
ich bin gebeten worden, den Start des MObiL-Projektes mit ein paar Gedanken zu begleiten. Also will ich der Frage nachgehen, worin liegt das Bereichernde oder, wie es so schön heißt, das Zukunftsweisende, wenn sich auf der Basis einer lockeren Organisation wie MObiL spontane Fahrgemeinschaften bilden.
Erlauben Sie, dass ich nicht sofort zur Sache komme, sondern zunächst kurz über die Hintergründe rede. Es ist bekannt, dass die ländlichen Regionen sowohl finanziell als auch infrastrukturell ausbluten. Das Geld fließt nach oben, dort wo die großen Banken ihre Finanzlöcher bereithalten oder Drohnenprojekte Milliarden verschlingen. Nicht zu vergessen, es handelt sich dabei um Solidarvermögen, das aus unser aller Steuern stammt. Es ist dazu gedacht, das gesellschaftliche Zusammenleben ohne Ansehen von Arm und Reich abzusichern – und ohne die Überlegung, ob es sich überhaupt lohnt.
Bei den ländlichen Regionen wird diese Effizienzrechnung bedenkenlos angewandt. Dorthin rinnt das Geld immer knapper, mit der Begründung, dass dort ja auch immer weniger Menschen leben, die Ausgaben also nicht gerechtfertigt seien. Aber egal, wie viele Menschen in welcher Region leben, alle haben das gleiche Bedürfnis nach Bildung, Kultur, ärztlicher Versorgung, Transport oder Kommunikation – und den gleichen Anspruch darauf.
Wir dürfen nicht aufhören, uns gegen die Unterordnung unserer Gemeinschaftslebens unter ökonomische Kalküls zu wehren. Deshalb sage ich es gerade hier: es ist ein Skandal, wenn im letzten Reichenower Haushalt gerade mal 12.000 Euro zur Investition in dörfliche Belange übrig geblieben sind; alles andere ist gebunden oder fließt in die übergeordnete Administration. Es ist ein Skandal, dass die Schulen in der Region geschlossen werden, wenn eine bestimmte Schülerzahl unterschritten wird. Und es ist ein Skandal, dass es Tage gibt, an denen nicht ein einziger Bus das Dorf Reichenow anfährt.
Wir müssen fordern, aber wir sollten nicht ergeben abwarten, bis unsere Forderungen erfüllt werden. Wir sollten auch unsere Möglichkeiten zur Selbsthilfe entdecken und verbessern, auch um von der Einlösung staatlicher Pflichten unabhängiger zu werden. Das ist das, was gegenwärtig unter dem Stichwort Commons fast schon zum Modethema geworden ist: Ressourcen gemeinsam nutzen, sich gegenseitig Hilfe leisten, gemeinsam und unentgeltlich an Projekten arbeiten, die allen nützen.
Ich würde sagen, Reichenow kann in dieser Hinsicht als vorbildlich angesehen werden: Die Feste, die dörflichen Einrichtungen, der MöHRe-Verein und seine Aktivitäten, vieles beruht auf der freien Initiative und uneigennützigen Zusammenarbeit von Reichenower Bürgern und Bürgerinnen.
Der Individualverkehr war allerdings bisher eine Grenze für das Verständnis von gemeinsamem Nutzen. Ein PKW-Innenraum ist von einer geradezu geheiligten Privatheit. Und auch das Bedürfnis, von A nach B zu kommen, gilt als privates Problem, das individuell gelöst werden muss. Man nimmt vielleicht den Nachbarn mit zu einer Veranstaltung im nächsten Ort, wenn es keine Umstände macht; oder man holt auch mal die Nachbarin von der S-Bahn ab, wenn sie gerade kein eigenes Auto zur Verfügung hat. Aber wer hält neben dem einzelnen Fußgänger auf der Landstraße und fragt von sich aus, ob er ihn vielleicht mitnehmen soll? Das sind am ehesten diejenigen, die wissen, was es heißt, in dieser Hinsicht auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.
Hier stellt MObiL ein wichtiges Bindeglied dar: Die Verbindlichkeit und Hilfsbereitschaft, die unter Nachbarn üblich ist, wird auf den Kreis der MObiL-Mitglieder ausgeweitet. Und das Projekt sorgt dafür, dass das Mitnehmen und Mitgenommen-werden sichtbarer, üblicher und damit vielleicht auch gesellschaftlich akzeptierter wird.
Und da bin ich an dem möglicherweise wichtigsten Gewinn durch MObiL. Es ist ein Projekt der organisierten und damit erleichterten Grenzüberschreitung. Oder anders ausgedrückt, es ist ein Projekt, in dem sich die Beteiligten bewusst gegenseitig etwas zumuten.
Alle, die es schon mal gemacht haben, wissen: man muss sich schon einen Ruck geben, um sich auf der Straße den vorbei fahrenden Autos zuzuwenden und den Daumen, oder hier jetzt die MObiL-Karte herauszuhalten. Warum kostet es Überwindung?
Wer trampt, bittet öffentlich um Hilfe. Er bzw. sie macht sichtbar, dass er oder sie die anderen Menschen braucht, und tut das ganz selbstbewusst. Und gerade das erscheint wie ein Sakrileg an einem Grundpfeiler der Individualgesellschaft: der persönlichen Unabhängigkeit. Man kann ihn auf den knappen Satz reduzieren: Auf keinen Fall jemandem zur Last fallen.
Warum ist vielen Menschen ihre Unabhängigkeit so wichtig? Ich glaube, sie vermittelt ein Gefühl von Sicherheit vor Auseinandersetzungen. Denn materielle Unabhängigkeit scheint davor zu schützen, mit anderen überhaupt in Kontakt treten zu müssen, um z.B. Wünsche zu äußern oder Wünsche zu verhandeln. Und Kontaktaufnahme bedeutet immer auch die Möglichkeit, missverstanden zu werden und in Konflikt zu geraten. Man will nicht fragen und damit andere in die Verlegenheit bringen, Nein sagen zu müssen, oder noch schlimmer, dass andere etwas gegen ihren Willen tun, weil sie nicht Nein sagen mögen, und einem das später nachtragen.
Zu dem MObiL-Projekt habe ich diesen Einwand öfter gehört: „Wenn ich so einen Aufkleber auf der Scheibe habe, dann MUSS ich die Leute ja mitnehmen.“ Nein, MÜSSEN Sie nicht. Es gibt keine Mitnahmepflicht bei MObiL. Machen Sie eine freundliche Geste und fahren Sie weiter, wenn Ihnen so zumute ist. Wer eine Bitte ausspricht, muss damit rechnen, dass sie nicht erfüllt wird, und darf das nicht persönlich nehmen. Wer eine Bitte zulässt – und das tun Sie ausdrücklich mit dem MObiL-Aufkleber auf Ihrem Auto – muss sich die Freiheit herausnehmen können, auch mal ohne schlechtes Gewissen Nein zu sagen, damit das Ja in anderen Fällen ein wirkliches, ein eigenes Ja ist. Nur selbst bestimmte Entscheidungen können die sozialen Beziehungen, in denen wir alle voneinander abhängig sind, zu einem Reich der Freiheit machen.
Abhängigkeit und Freiheit, das ist nur scheinbar ein Widerspruch. Ich meine, die Unabhängigkeit aus Gründen der Konfliktvermeidung ist das, was letztlich zur Fessel wird. Denn das Abschotten von einander, der eigenen Sicherheit zuliebe, hat den schwerwiegenden Nachteil, dass man es verlernt, Möglichkeiten von Konflikten realistisch einzuschätzen. Vorsichtshalber geht man deshalb jeder Konfrontation lieber gleich aus dem Weg. So verkümmert die Fähigkeit, leicht und alltäglich Verbindungen zu einander aufzunehmen. Die Spekulationen darüber, was der oder die andere denkt oder vorhat, werden bodenlos. Und jede harmlose Frage kann zur Peinlichkeit, wenn nicht zur Bedrohung werden.
Der Daumen, die gehobene Hand oder hier die MObiL-Karte ist deshalb nicht nur die Bitte um Mitnahme, es ist die Zumutung an das Gegenüber, sich zu dieser Bitte zu verhalten, und es ist die Bereitschaft, die Entscheidung des Gegenübers zu akzeptieren. Dadurch ist es gleichzeitig eine Geste des Protestes gegen die Segmentierung der Gesellschaft in Kleinsteinheiten, die sich gegenseitig misstrauen und sich Feind sind.
Diese künstliche Grenze zu überwinden tut gut, weil sie hilft, den Reichtum menschlicher Beziehungen wieder zu erschließen. Und sie ist die Voraussetzung für jegliche Art politischen Handelns. Wenn wir etwas verändern wollen, müssen wir die Fähigkeit haben, uns gegenseitig angstfrei anzusprechen. Dazu leistet das Mitfahrerprojekt MObiL einen wichtigen Beitrag.
Ich wünsche ihm einen guten Start und eine große Breitenwirkung.